Jeder Schlag zählt – schon mal was von Mark Broadie gehört?

Letztens unterhielt ich mich nach einem Golf Turnier mit einem meiner Mitspieler über die relative Bedeutung des Puttens im Vergleich zum langen Spiel. Meine Aussage, dass der typische Normal-Hacker die meisten Schläge beim langen Spiel verliert, erntete allgemeines Kopfschütteln. Nein, das Kurzspiel und besonders das Putten sei wesentlich wichtiger, u.a. weil dieser Teil des Spiels ja die meisten Schläge ausmache. Meine Frage: kennt jemand Every Shot Counts (2014) von Mark Broadie? Kopfschütteln oder oberflächliches „Ja klar“, was ich als „davon gehört aber nicht gelesen“ einstufe. Aus diesem Grund versuche ich hier mal einige Aspekte seines Buchs aufzuzeigen – quasi als Appetithappen. Bevor ich’s vergesse: das Buch wurde leider bisher nicht übersetzt und daher sind Kenntnisse der englischen Sprache notwendig.

Mark Broadie ist ein Stanford promovierter Professor für Business an der Graduate School of Business der Columbia Universität. Sein Hobby ist Golf und so dauerte es nicht lang, bis er sich fragte, was es benötigte, um seinen Durchschnittsscore um 10 Schläge zu senken oder was es Wert wäre 15m weitere Abschläge zu erreichen. Als Analytiker machte er sich auf die Suche nach sinnvollen Statistiken um Vergleiche anzustellen. Allerdings stellte er schnell fest, dass traditionalle Statistiken (Putts pro Runde, getroffene Greens in Regulation, Fairwaytreffer) dazu nur bedingt tauglich sind.

Eine niedrige Anzahl an Putts kann unterschiedliche Gründe haben. Der Eine trifft die Grüns nahezu perfekt aus allen Lagen und hat nur kurze Putts von denen eher einige direkt einlocht. Ein weiterer liegt regelmäßig neben dem Grün, verfügt aber über ein wunderbares Kurzspiel und chippt/pitcht die Bälle regelmäßig an die Fahne. Ein Dritter wiederrum trifft die Grüns zwar, hat aber noch lange Putts, die er aber immer wieder einlocht. Wer ist jetzt der bessere Putter? Vermutlich können wir uns schnell auf Golfer Nr. 3 einigen, die Putts pro Runde Statistik wird das aber nicht hergeben.

Fairwaytreffer können ebenfalls zu fragwürdigen Ergebnissen führen. Demjenigen, der quasi ohne Schaden seine 280m Drives im First Cut findet und daraus nur geringen Schaden hat, würde die Fairwaytreffer-Statistik wohl anbieten, die Genauigkeit seiner Drives zu verbessern… kaum sinnvoll.

Aus diesem Mangel an sinnvollen Statistiken begann Broadie 2001 die Arbeit an Golfmetrics, einem eigenen Computer-Programm, das festhalten sollte, von wo ein Ball wohin geschlagen wurde: Art des Untergrunds (Rough, Fairway, Bunker etc.) und Entfernung zur Fahne zu Beginn und nach dem Schlag sind die wesentlichen Parameter. Daraus wollte er den Wert eines Schlags (Shot Value) errechnen. Parallel zu Broadies Bemühungen Amateurdaten zu sammeln, begann die PGA Tour in 2003 das Shotlink System einzusetzen, das im wesentlichen die gleichen Daten sammelte – natürlich für Golfprofis. Zwischen 2003 und 2012 kamen so Daten über etwa 10 Millionen Golfschläge zusammen. Jetzt fehlte aus Broadies Sicht nur noch ein geeigneter Algorithmus, der den Beitrag jedes Schlags zum Gesamtscore messbar machte. Broadies Antwort und Nachfolger des Shot Value Ansatz war das sogenannte Strokes-gained-Konzept, das von der PGA Tour ab Mai 2012 zunächst als verbesserte Putting-Statistik eingeführt wurde. Mittlerweile hat es den Siegeszug als konsistenteste Golf-Statistik vom Abschlag bis zum Grün erfolgreich absolviert. Strokes gained heisst so viel wie gewonnene Schläge doch was bedeutet das?

Every Shot Counts (2014) von Mark Broadie
Every Shot Counts (2014) von Mark Broadie

Grundsätzlich lässt sich mit der geeigneten Menge an oben erwähnten Daten für jeden Ort auf einem Golfplatz angeben, wieviel Schläge der betrachtete Golfer (Amateur oder Pro) im Durchschnitt benötigt, um von dort den Ball einzulochen. Mit diesem Wissen lässt sich nun für jeden Schlag feststellen, ob er überdurchschnittlich gut oder schlecht war. Ein vergleichsweise schlechter Schlag reduziert die durchschnittlich noch benötigten Schläge bis der Ball im Loch ist um weniger als einen Schlag, ein überdurchschnittlich guter Schlag um mehr als einen Schlag.

Ein realistisches Beispiel: Nehmen wir mal an, der Durschnitt der betrachteten Hobby-Golfer benötigt für eine bestimmte 330m Bahn exakt 4 Schläge. Unser Beispiel-Golfer trifft seinen Drive leider nicht richtig und dieser bleibt kurz und kommt 170m vor dem Grün auf der rechten Fairway-Seite eines nach rechts abbiegenden Doglegs zu liegen (Fairwaytreffer). Von dort braucht der Durchschnittsgolfer üblicherweise mehr als einen Schlag um aufs Grün zu gelangen. Wir nehmen der Einfachheit halber an, das es im Schnitt jeder zweite Golfer schafft. Dementsprechend hat er einen halben Schlag verloren – Strokes gained driving würde also einen Wert von -0,5 ergeben. Weiter: der mutige Versuch der Annäherung führt in eine schwierige Bunkerlage, aus der 90% aller Hobby-Golfer drei Schläge benötigen, im Schnitt also 2,9. Nach zwei Schlägen hat er also gegenüber dem Durschnitt 0,9 verloren, d.h. die missglückte Annäherung kostete ihm weitere 0,4 Schläge. Nach einem mässigen weil schwierigen Bunkerschlag verbleibt ein 15m Putt zur Fahne. Wir nehmen an, dass durschnittlich einer von vier Hobby-Golfern aus 15m Entfernung mehr als zwei Putts benötigt, der Durchschnitt liegt also bei 2,25. Er hat durch den Bunkerschlag weitere 0,35 Schläge verloren und steuert nun auf einen Double-Bogey zu. Unser Beispiel-Golfer puttet jedoch auf 50cm an die Fahne, eine Entfernung aus der nahezu jeder Golfer einlocht, wir nehmen also 1 an. Dementsprechend hat durch seinen Putt 0,25 Schläge gewonnen. Strokes gained Putting würde somit einen Wert von +0,25 ergeben. Zu guter Letzt locht er erfolgreich mit dem fünften Schlag ein.

Ergebnis: unser Beispiel-Golfer hat gegenüber dem Durchschnitt einen Schlag verloren. Als Fehlerquelle lässt sich mit 0,9 primär das lange Spiel (Drive + Annäherung) identifizieren, während sein Putting einen positiven Beitrag lieferte, der das Bogey rettete.

Man lernt aus diesem Beispiel sofort:

  • Strokes gained macht den Wert von Schlägen aus unterschiedlichen Teilbereichen des Spiels vergleichbar.
  • Das System ist additiv, was bei z.B. Fairway-Treffern und Putts-pro-Runde nicht der Fall gewesen wäre.
  • Die konventionelle Statistik (Fairway-Treffer, kein Green in regulation, zwei Putts, kein Sand-Save) würde primär die Annäherung und den Bunkerschlag als Hauptursache identifizieren sowie ein lediglich durchschnittliches Putten unterstellen. Das der Drive der Auslöser der Probleme war bliebe genauso im Verborgenen wie die überdurchschnittliche Putt-Leistung

Mit den Daten der Strokes gained Analyse bewaffnet kann man nun beliebige Simulationen starten. Um wieder zu unserer Anfangsfrage zurückzukehren… was wäre wenn ein 18-Handicapper mit einem Pro gemeinsam spielt und der Pro alle langen Schläge bis 100m vor dem Grün übernehmen würde. Wie würde das Ergebnis im umgekehrten Fall aussehen. Diese Variante nennt sich übrigens Switcheroo. Nur damit keine Irrtümer aufkommen: Pros spielen in allen Teilbereichen besser als Amateure, aber welcher ist der bedeutendere?

Ich zitiere Broadie: „Das Ergebnis von Hunderten simulierter Runden zeigt: das lange Spiel erklärt einen größeren Teil des Unterschieds zwischem Pros und Amateuren“. Das soll nicht heissen, dass es für Amateure nicht sinnvoll wäre, einige Zeit in das Kurzspiel zu investieren, um die eigenen Ergebnisse zu verbessern. Das liegt aber daran, dass das kurze Spiel einfacher zu erlernen ist weil die Anforderungen an Beweglichkeit, Koordination umd Motorik geringer sind. Die meisten Schläge verliert der Amateur jedoch beim langen Spiel. Damit einher geht die Empfehlung, den Schwerpunkt deutlich auf diesen Bereich des Golfspiel zu setzen (siehe auch Oliver Heuler’s pointierte Meinung dazu).

Aber Länge ist nicht alles, oder? Doch… im Prinzip schon. Aus Broadies Untersuchungen geht weiterhin hervor, dass der Vorteil von 18m mehr Abschlaglänge für den bekannten 18-Handicapper bei ca. 1.6 Schläge pro Runde liegt. Der Vorteil von einem Grad mehr Richtungsstabilität liegt lediglich bei 0.9. Das macht tatsächlich Sinn, denn schwächere Spieler haben überproportional mehr Probleme das Grün zu treffen, je länger der Schläger wird – ob man ein 5er oder doch noch ein 7er Eisen schlagen kann ist von großer Bedeutung. Ein Profi ist in der Lage auch längere Eisen relativ präzise zu schlagen. Gleichzeitig ist bei Hobby-Golfern aufgrund der geringeren Entfernung die Abweichung relativ betrachtet geringer als bei den längeren Profis. Sieben Grad Abweichung machen bei einem 170m Drive etwa 21m aus. Bei einem 80m längeren Abschlag nimmt die absolute Abweichung  deutlich zu und kann nun Unheil bedeuten.

Broadies Buch strotzt vor weiteren interessanten Zusammenhängen und Beispielen, auch aus dem Pro-Bereich. Ich kann es nur jedem wärmstens empfehlen, der sich von alten Mythen lösen will und offen für ein paar knackige Denkanstöße ist, die für das eigene Spiel tatsächlich von Bedeutung sind – nicht nur für Profis.

Übrigens, wer seine Rundenergebnisse mit Hilfe einer Methode aufarbeiten will, die der Strokes gained Methode entspricht, sollte sich mal auf der Golfanalyse.de Website von Jörg Sobetzki umsehen. Er bietet für sein Verfahren eine zweiwöchige Testphase ein, mit deren Hilfe man herausfinden kann, ob man Willens ist, auf eine etwas ausführlichere Weise seine Golfrunden zu dokumentieren, dafür dann aber auch mit vielleicht überraschenden Wahrheiten konfrontiert wird.

Veröffentlicht von

Christian

Vater von zwei Kindern, Göttergatte einer tollen Frau, Banker, Heimkino-Nerd, Golfer und Schlagzeuger

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