Whiplash zieht in meine Top 25 ein

Normalerweise ist meine persönliche Liste der besten 25 Filme relativ stabil. Wenn man auf die 50 zugeht und schon unzählige gute und schlechte Filme gesehen hat, ist man halt immer schwerer zu beeindrucken. Dazu kommt, daß der anhaltende Franchise-Trend, der in der Filmindustrie zu beobachten ist, nur bedingt dazu geeignet, künstlerisch Wertvolles hervorzubringen. Aktueller Mainstream bringt oft leider nur „business movies“ hervor, deren Themen, Schauspieler und Budgets so ausgewählt sind, das die Risiken der jeweiligen Investments (scheinbar) weitestgehend reduziert werden. Das Motto ist dabei: hat gestern funktioniert… funktioniert bestimmt wieder. Was kommt dabei heraus: auf Hochglanz polierte, technisch einwandfreie aber inhaltlich leere, mit Klischees und vorsehbaren aber unglaubwürdigen Plots gefüllte Filme auf dem Niveau von Videospielen.

Und dann, gibt es aber auch immer wieder kleine, unauffällige Perlen, die man nicht übersehen sollte. Eine solche Perle ist Whiplash.

Whiplash ist ein kleiner Film… keine Spezialeffekte, kein Riesenbudget und keine hippen Superstars. Dieser cineastische Geniestreich, für dessen Finanzierung Autor und Regisseur Damien Chazelle erst einen Kurzfilm abliefern musste, fokussiert auf die Entwicklung seiner beiden Hauptcharaktere (gespielt von Miles Teller und J.K. Simmons) und der Story. Andrew ist ein junger, aufstrebender Schlagzeuger, der nach Größe und Ruhm strebt und für eine Chance in den Olymp zu kommen so ziemlich alles opfert. Fletcher ist der Leiter der Studio-Band der Shaffer Conservatory of Music, einer der besten aber auch härtesten Musikschulen. Er ist auf der Suche nach den wenigen genialen Talenten, die bereit hart zu arbeiten um ihr maximales Potential zu erschließen. Gefangene werden nicht gemacht – wer nicht mitziehen will oder kann wird gnadenlos aussortiert. Andrew sieht die dunkle Seite Fletchers, ist aber fasziniert und fühlt sich herausgefordert. Dazu verfügt er über ausreichend Arroganz und Egoismus um daran zu glauben, das er einer der ganz Großen werden kann. Er hat keine Ahnung, welchen Preis er dafür zahlen wird. Und so entwickelt sich ein dramatischer Konflikt der es sich sich hat und in einer Energie geladenen Katharsis endet. Mehr gibt’s hier nicht… schaut es euch an, auch wenn ihr kein Drummer und Freunde der Jazz-Musik seid.

Der Film ist ist toll geschrieben und verfügt über jede Menge Szenen die emotional aufgeladen und hervorragend gespielt sind. Insbesondere was Simmons hier abliefert ist zu Recht mit einem Oscar für den besten Nebendarsteller ausgezeichnet worden (das mit dem Nebendarsteller sollte man nicht überbewerten… der Film hat zwei Hauptrollen und Simmons hat eine davon). Wer Lust hat, kann sich das von der Screen Actors Guild Foundation auf YouTube veröffentlichte Interview mit Simmons ansehen… sehr interessant:

Chazelles Drehbuch schafft es auf faszinierende Weise, daß wir Fletcher nicht nur als den typischen, eindimensionalen Drill Instructor sehen. Wir fürchten Ihnen, haben Mitleid, sind zuweilen seiner Meinung um ihn dann wieder abgrundtief zu hassen. Gleichzeitig ist Andrew kein strahlender Held. Er ist zwar talentiert und zu harter Arbeit bereit, gleichzeitig aber auch selbstverliebt, rücksichtslos und arrogant. Er läßt sich in Fallen locken, ist zu Revanche bereit, mutig und dann aber auch wieder zu feige um zu seinen eigenen Fehlern zu stehen. Ein herrliches Panorama von Emotionen, eine echte Achterbahn die man so selten in aktuellen Filmen zu sehen bekommt. Kamera und vor allem Schnitt (ein weiterer Oscar) sind auf ähnlichem Niveau und halten die Story auf Trab ohne zum Selbstzweck zu werden. Die Musik ist toll eingespielt und schafft es selbst Menschen wie mich, die nicht unbedingt jeden Tag Jazz hören, vom Hocker zu hauen. Der ebenfalls Oscargekrönte Soundmix bringt die diversen Schlagzeug- und Jazz-Band-Passagen authentisch zur akustischen Geltung.

So hat es Whiplash als erster Film seit Inception geschafft, sich auf meiner Top 25 Liste (auf Platz 15) einzunisten – und das hat er sich wirklich verdient. Mit einer durchschnittlichen Bewertung von 8.6 bei IMDb (Stand 19.7.2015) ist er mittlerweile auf Platz #40 der IMDb Bestenliste angekommen. Auch das geht völlig in Ordnung. Den Namen Damien Chazelle muss man sich merken – hoffentlich schafft er es mit dem erworbenen Erfolg Investoren zu finden, die ihm helfen, weitere solche Filme zu finanzieren.

Veröffentlicht von

Christian

Vater von zwei Kindern, Göttergatte einer tollen Frau, Banker, Heimkino-Nerd, Golfer und Schlagzeuger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.