Workshop mit Shawn Clement in Paris

Ein paar Monate nachdem ich im Herbst 2010 mit dem Golfen begonnen hatte, entdeckte ich bei meinen üblichen Internetstreifzügen Shawns Wisdom in Golf Website und den dazugehörigen YouTube Kanal. Shawn ist einer der bekanntesten Golf-Lehrer im Internet und unterrichtet am Richmond Hill Golf Learning Center nördlich von Toronto (Kanda). Seine Methode Golf-Wissen und -„Weisheiten“ (Wisdom) zu vermitteln hat mich von Anfang an angezogen. Aber wie das immer so ist: manchmal muss man den „großen Meister“ erst persönlich treffen, bevor es klickt. Normalerweise kommt er nie beruflich nach Europa aber Anfang Mai 2015 war es soweit und Shawn lud zu einem Workshop in Vierer-Gruppen vor den Toren von Paris im Mont Griffon Golf Club ein. Es gab zwei Sessions Pro Tag an mehreren, aufeinanderfolgenden Tagen, von denen ich eine buchte. 375 US-Dollar für rund drei Stunden (es wurden dann eher 3 3/4) plus Hotel- und Anreise (der Firmenwagen hat die Reisekosten etwas gemildert) sind kein Pappenstiel und wollen wohlüberlegt sein. Pro halbe Stunde (die übliche Trainereinheit) gerechnet ergeben sich daraus US 50.-, was schon „etwas“ überschaubarer klingt. Eins vorweg… es war die sinnvollste Golfinvestition, die ich je getätigt habe.

Shawn lehrt keine PGA Modellschwünge mit X-Faktor, in Zeitlupe aufgenommen und seziert. Er versucht den Golfschwung an die Biomechanik unseres Körpers anzupassen und die uns Menschen angeborene Expertise im Umgang mit der Schwerkraft auszunutzen. Der Fokus sollte stets darauf liegen, was er „release to the target“ nennt. Der Release ist der Moment im Schwung, in dem der Schlägerkopf die Hände in eine Peitschenartigen Bewegung überholt. Findet diese Bewegung in Richtung des Ziels statt, ist eine der wesentlichsten Voraussetzungen für einen effizienten und zielgerichteten Golfschwung gegeben. Das Videozeitalter sieht er kritisch, weil viele Golfer der Versuchung erliegen, bestimmte Positionen im Schwung erreichen zu wollen und dabei die dreidimensionale Dynamik und vor allem den Zielfokus völlig verlieren.

Aber hey… wer bin ich solche Sachen zu erklären. Jedem der Interesse hat und die Englische Sprache beherscht, seien sowohl die Youtube Videos, wie auch die Videoserien empfohlen, die er in guter Qualität produziert hat und online zum Download anbietet. Die YouTube Videos gibt´s kostenlos (ausser dem Premium-Channel, der in Deutschland nicht funktioniert).

Der Workshop jedenfalls fand – wie erwartet – in vollkommen entspannter Athmosphäre auf dem großen Trainingsareal des Mont Griffon Golf Clubs statt. Shawn hatte uns zu einem rein Deutschen Dreier-Flight zusammengestellt und zeitweise kam sein französischer Partner Edouard Montaz hinzu. Shawn wechselte regelmäßig zwischen den Teilnehmern hin und her um dann immer wieder mal alle zusammenzurufen und allgemeine Themen, Fragen und Mißverständnisse zu erläutern.

Natürlich gab es zwischendurch Passagen, die man schon aus seinen Videos kennt, aber wesentlich ist der Zusammenhang, in dem er diese Erklärungen brachte und dann auf jeden einzelnen Teilnehmer anwendete. Er fragte immer wieder, wie sich bestimmte Sachen anfühlen und wie der Teilnehmer bestimmte Sachen einschätzt (Griffsträrke, Anspannung etc.). Das ist überhaupt eine der großen Stärken seiner Lehrmethode: wie fühlt sich das an, wonach in der jeweiligen Situation gesucht wird?

Bei mir war es zum Beispiel genau der oben erwähnte Release (mir fällt dafür wirklich kein deutsches Wort ein), den ich nie wirklich wahrnahm. Eine Griffkorrektur zusammen mit der bildhaften Vorstellung, die Schwerkraft an den Schultergelenken ziehen zu lassen, den Schläger quasi zum Ziel zu werfen, hat mich ein deutlichen Schritt weiter gebracht.

Shawn macht regelmäßig Vergleiche zu anderen Sportarten und demonstriert die oft identischen Bewegungsmuster. Er erklärt, das unser Körper im Laufe der Evolution Fähigkeiten entwickelt hat, die uns in die Lage versetzen, bestimmte Bewegungsabläufe automatisch zu erledigen (Stichwort Gewichtsverlagerung) und man darauf vertrauen sollte. Oft ist der körpereigene Selbsterhaltungstrieb und die daraus resultierende Schutzfunktion die treibende Kraft. Shawn meint, daß wir die meisten Bewegungen durch freies experimetieren lernen und verbessern. Jeder Versuch bewusst zu kontrollieren und damit zu steuern schlägt fehl. Natürlich gibt es immer wieder kleine Abkürzungen – zum Beispiel eine Griffkorrektur – aber den wesentlichen Teil der Golfbewegung muss man sich durch spielerisches experimentieren selbst erarbeiten. Weiss man jedoch, nach welchem Gefühl man Ausschau halten soll, hat man auf einmal hilfreiche Anhaltspunkte – quasi Meilensteine auf dem Weg zu einem wiederholbaren und effizienten Schwung.

Und so tastet man sich zusammen mit Shawn während der 3 3/4 Stunden vom Chipping über Pitches zu kurzen und dann auch längeren Eisen um zum Schluss das Gelernte auch auf den Driver anzuwenden. Alles hängt zusammen und die kleineren Chip Bewegungen lassen schon Aufschlüsse über Kurzschlüsse im vollen Schwung zu. Bei mir war zum Beispiel schon beim Chippen zu sehen, dass ich die Arm-Schläger-Einheit nicht zum Ziel sondern leicht von aussen nach innen bewegt habe. Später hat Shawn uns seine schönen Nike-Eisen werfen lassen um uns vor Augen zu führen, wohin wir die Schäger „releasen“ würden, liessen wir einfach los statt sie im Durchschwung festzuhalten. Bei der Aufgabe der Schläger zum Ziel zu werfen (natürlich aus einer ganz normalem Golfschwung Position heraus, also parallel zum Ziel stehend) flog mir das Ding genau in die Richtung, welche der Chip bereits andeutete. Mittlerweile habe ich daraus eine Übungsroutine für zu Hause abgeleitet -ich schmeisse also meine alten Anfänger-Eisen durch unseren Garten.

Meine beiden wesentlichsten Erkenntnisse aber waren die folgenden. Eins vorweg: ich bin Golf-Linkshänder – Rechtshänder bitte entsprechend umdenken.

  1. Greift man den Schläger mit beiden Händen und läßt die Arme entspannt vor der Brust baumeln, ist die Schlägerfläche geschlossen… und das nicht nur ein wenig, sondern deutlich. Ich hab das mal Amateurhaft fotografiert, weil man das so schlecht erklären kann:
    Golf Grip mit entspannten Armen vor dem Körper
    Golf Grip mit entspannten Armen vor dem Körper

    Nimmt man dann seinen Stand ein, scheint die Fläche wieder nahezu rechtwinklig zur Ziellinie ausgerichtet zu sein (lassen wir das Thema Fade und Draw mal weg):

    Golf Grip mit eingenommenen Stand
    Golf Grip mit eingenommenen Stand

    Das hat mich umgehauen und ich habe zu Beginn stark bezweifelt, das der Ball nicht automatisch nach rechts fliegen würde. Das macht er auch, aber nur wenn man in diese Richtung schwingt. Erfolgt der „Release“ zum Ziel, fliegt der Ball gerade. Trifft man den Ball stellt man fest, dass sich auf einmal die Flugkurve geändert hat. Statt in einer großen Bogenlampe fliegt der Ball nun flach weg, erreicht erst später den höchsten Punkt und scheint dann tendenziell aus dem Himmel zu fallen. Mein persönliches Wunder war, das man sich über all diese Zusammenhänge keinen Kopf machen muss (und soll), sofern man obiges Setup einhält und vor allem immer wieder berücksichtigt: „Release to the target“. Alle anderen Gedanken werden in den Probeschwung verbannt. Ein Video dazu: Two-Faced Focus.

  2. Hüfte im Rückschwung mehr drehen und die Gewichtsverlagerung einleiten, in dem zum Ende des Rückschwungs (die Schultern sind 180° vom Ziel weggedreht) scheinbar leicht nach hinten (zum Ziel) kippt. Auch diesen „Trick“ leitet Shawn aus unseren normalen menschlichen Bewegungsmustern ab. Was passiert wenn man aus dem Stand vorwärts gehen möchte? Man verlagert das Gewicht nach vorn und fängt den Körper mit einem gezielten Schritt nach vorn ab.
    Die Hüftdrehung wiederum ermöglicht es auf einfache Weise die Schultern wirklich volle 90° aufzudrehen (eigentlich dreht man natürlich den Oberkörper, nicht die Schultern). Selbst wenn das rechte Bein dafür leicht mit dem Absatz abhebt, ist das alles kein Problem, solange man deutlich vor dem Abschwung wieder sicheren Stand einnimmt und das rechte Bein als Stützpfosten fest auf dem Boden stellt. Die deutlichere Hüftdrehung ist die wesentlich natürlichere Bewegung, die zudem eine geringere Belastung für die Wirbelsäule darstellt.

Diese Erkenntnisse habe ich nur für mich gewonnen und ich will das hier auf keinen Fall als Tip verstanden wissen. Ohne den Gesamtkontext kann es durchaus sein, dass all diese Sachen für manch einen kaum Sinn machen und es auch nicht können. Ich will einfach nur eine Idee vermitteln, in welche Richtung Shawn’s Lehren gehen auf welche Weise er seine Golfweisheiten vermittelt.

Die 3 3/4 Stunden waren positiv anstrengend, herausfordern und vollgepackt mit Informationen. Danach fühlt man wie vor einer langen Reise, auf die man schon mit viel Vorfreude hingearbeitet hat. Seitdem ich aus Paris zurück bin, habe ich mich wieder mit vollem Eifer der Arbeit auf der Range gewidmet und nach Anlaufschwierigkeiten auf dem Golfplatz (es war schwierig den Fokus zu finden) auch schon wieder vernünftige Runden gespielt. Die Umsetzung all dieser Erkenntnisse dauert also nicht so lange wie man meinen könnte.

Ich freue mich schon jetzt auf Shawn’s nächsten Besuch (hoffentlich in Deutschland). Ich habe selten derart motivierenden Golfunterricht erlebt. Das soll keine Herabstufung meiner Trainer in Deutschland sein, denn Shawn hatte sicherlich den Vorteil, dass der Workshop den Status des besonderen, mit einem Kurzurlaub verbundenen Ausflugs hatte. Der Golfalltag würde vermutlich weniger Enthusiasmus versprühen. Vielleicht ist er aber auch ein begnadeter Motivator.

Veröffentlicht von

Christian

Vater von zwei Kindern, Göttergatte einer tollen Frau, Banker, Heimkino-Nerd, Golfer und Schlagzeuger

2 Gedanken zu „Workshop mit Shawn Clement in Paris“

  1. Hi Christian,
    Da ich ja auch in Paris war, kann ich nur sagen Chapeau.
    Sehr richtig und sehr eloquent das beschrieben, was ich auch erlebt habe.
    Noch haben wir das Thema Shawn in Deutschland noch nicht fixiert, aber wir arbeiten daran.
    LG
    Markus

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