Der Hobbit, HFR und 3D

Der Hobbit
The Hobbit

Es ist schon wieder eine Weile her, daß ich mich für Avatar ins Kino habe locken lassen. Anschließend dauerte es nicht lange, bis ich auch im eigenen Heimkino auf 3D aufrüstete und seitdem erneut keine Notwendigkeit mehr sah, mich zu den schmatzenden Popcorn-Monstern und 1l-Cola-Eimer-Schlürfern zu setzen – ja ich weiß… klingt arrogant, aber so ist es halt.

Mit der zunehmenden Verbreitung moderner Digitalprojektoren und vor allem der Verdoppelung der Bildwiederholfrequenz von 24 Bildern pro Sekunde (frames per second, fps) auf 48, erarbeitet sich das Kino nun wieder einen Qualitätsvorsprung, den das Heimkino so schnell nicht einholen können wird. Hier mein erster Eindruck von dem was ich an diesem Wochenende sehen konnte.

Der Ort war das Kino 1 des Kinopolis Aschaffenburg. Die haben gerade erst eben alte Analog-Projektoren gegen flatschneue, moderne Digitalprojektoren ausgewechselt. Das Verfahren hat die Industrie 3D HFR genannt: High Frame Rate. Peter Jackson hat dieses Verfahren gewählt und für seine neuste Tolkien-Verfilmung Der Hobbit – eine unerwartete Reise angewandt. Was bedeutet das?

Seit Anbeginn des Tonfilms werden Kinofilme mit einer Bildwiederholfrequenz von 24 Bilder pro Sekunde gedreht. Diese Frequenz stellt einen Kompromiss zwischen Materialaufwand (das 35mm Filmmaterial war und ist teuer) und Mindestfrequenz dar, ab dem der Mensch kein oder kaum noch Flimmern wahrnahm sowie die Tonqualität (damals noch analog zusammen mit dem Film aufgezeichnet) als auchreichend empfunden wurde. Wie stark das verbleibende Ruckeln wahrgenommen wird unterscheidet sich jedoch von Betrachter zu Betrachter.

Seitdem sich die moderne 3D-Technik durchgesetzt hat, fiel das Augenmerk immer wieder auf die negativen Folgen der geringen Bildwiederholfrequenz auf die realistische Darstellung 3-dimensionaler Bilder. Gerade bei starken Bewegungen und hektischen Schwenks verschwimmen die Konturen (motion blur), der 3D-Effekt ist hin und der Zuschauer reagiert unangenehm irritiert. Technophile Regisseure wie James Cameron und Peter Jackson haben daher mit der Erhöhung der Frequenz experimentiert. Jackson hat mit seinen 48fps das aktuell technisch Machbare gewählt.

Jeder der einen modernen Fernseher oder Digitalprojektor besitzt, wird den Effekt bereits kennen. In diesen Geräten sind heute oft sogenannte Motion-Compensation Verfahren umgesetzt, mit deren Hilfe Zwischenbilder errechnet und in die Wiedergabe eingebaut werden. Besteht also ein typischer Videodatenstrom einer heutigen Blu-Ray aus 24 Bildern pro Sekunde und nehmen wir an, daß der Videoprojektor oder Fernseher technisch betrachtet 72 oder 96 Bilder pro Sekunde wiedergeben kann, so werden 2 bis drei mal so viele Bilder errechnet und eingefügt, um die Bewegungsschärfe zu erhöhen. Bei 3D-Bildern können erst moderne Geräte diese aufwendigen Rechenoperationen leisten.

Motion Compensation ist eine künstliche Angelegenheit. Die errechneten Bilder sind so niemals gedreht worden. Dementsprechend können beim erraten von Bewegungen immer wieder Fehler entstehen, die unterschiedlich stark auffallen. Dreht man nun, wie Jackson, in der Tat mit einer erhöhten Bildwiederholfrequenz, tritt ein ähnlicher Effekt ein – jedoch ohne die möglichen Fehler. Bewegungen werden flüssiger, die Bildschärfe bei starken bewegten Motiven steigt deutlich an.

Wie sieht’s aus? Das subjektive Empfinden des Betrachters ist durch seine Seherfahrungen getrübt. Während er Kinofilme nur mit einem leichten Ruckeln erfahren hat, sind ihm höhere Bildwiederholfrequenzen bereits von Fernsehkameras (50 Halbbilder pro Sekunde), hochwertigen Videokameras (bis zu 60 Vollbilder pro Sekunde) und Videospielen bekannt. Dementsprechend fallen die Antworten aus, wenn man die ersten Seherfahrungen der Hobbbit-in-HFR-Kinozuschauer befragt. In Wikipedia heißt es:

Kritiker der Technik bemängeln den Verlust des „Kinostils“ (cinematic look) und vergleichen es mit Material, welches mit einer Motion Interpolation bearbeitet wurde, insbesondere dem „Soap-Opera-Effekt“.

Dementsprechend ist man während den ersten Minuten des Hobbits erst einmal mächtig irritiert. Unsere Sehgewohnheiten werden durchbrochen. Das Bild sieht knackscharf und atemberaubend realistisch aus. 3D und HFR ergänzen sich prächtig – die Bilddatenflut übermannt den Betrachter und leider führt das unweigerlich dazu, daß man von Jackson’s routiniert und putzig erzählter Geschichte abgelenkt wird. Das kann man ihm kaum vorwerfen – immerhin ist derjenige, der ein Medium weiterentwickelt, nicht für Altlasten der Historie verantwortlich.

Bei mir hat die Gewöhnung ca. eine halbe Stunde gedauert. Spätestens nach dem Erscheinen der Zwerge in Bilbo’s Hobbit-Höhle übernahm die Geschichte langsam das Kommando. Spätestens wenn Jackson zum Schluß aufdreht und die Abenteurer sich gegen die übermächtigen Orks ihrer Haut erwehren müssen, werden die Vorteile der neuen Technik offenbar. Selten haben Action-Sequenzen so realistisch ausgesehen. Man verliert selbst in den hektischsten Szenen kaum die Übersicht und kann sogar noch Details wahrnehmen.

Ich habe die Zukunft des Kinos gesehen. Wer sich angesichts des hier Erreichten über den mangelnden cineastischen Look beschwert lässt sich von seinen Gewohnheiten treiben und ist hoffnungslos rückwärtsgerichtet. Das sagt jemand, der den Motion-Compensation Verfahren allgemein nie etwas abringen konnte. Aber da wir auch den Stummfilm überwunden und farbige Bilder schweren Herzens akzeptiert haben, bin ich zuversichtlich, dass die Zukunft uns mehr solche Filme mit flüssigeren Bewegungen bringen wird. Moderne und effiziente Motion-Compensation Schaltungen in Fernsehern werden den Weg bereiten und die Zuschauer entsprechend vorbereiten. Das Kino entwickelt sich weiter und das ist gut so.

Ach ja… der Film. Ganz kurz: Jackson erzählt routiniert und bleibt seinem Herr-der-Ringe-Stil treu. Das Darsteller-Ensemble ist wunderbar, insbesondere Ian McKellen als Gandalf und Richard Armitage als Thorin Eichenschild stechen hervor. Letzterer ist als Zwergen-Anführer und Königssohn ähnlich gelungen besetzt wie Viggo Mortenson als Aragorn. Die Szenen mit Gollum sind mal wieder ein Höhepunkt, der jeden Zuschauer in seinen Bann zieht. Leider leidet der Film darunter, daß nicht alle Dialoge so fein geschliffen sind wie in diesen Momenten. Jackson muß ein kleines Buch zu einer großen Trilogie aufblasen und es besteht der Verdacht, daß ihm das nicht ganz gelingen wird. Trotzdem ist der Hobbit ein sympathischer Film und ein optischer Leckerbissen.

Veröffentlicht von

Christian

Vater von zwei Kindern, Göttergatte einer tollen Frau, Banker, Heimkino-Nerd, Golfer und Schlagzeuger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.